Gemeinsames Statement des Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e. V. und des CSD Magdeburg e. V. zur Landtagswahl 2026

Am Wahlabend sind Tränen geflossen.

Bei unseren Mitgliedern, bei unseren ehrenamtlich Engagierten und bei Menschen, die sich in den vergangenen Monaten mit all ihrer Kraft für ein offenes, demokratisches und vielfältiges Sachsen-Anhalt eingesetzt haben.

Wir möchten diese Gefühle nicht hinter der nüchternen Sprache einer Pressemitteilung verstecken. Wir sind traurig. Wir sind erschöpft. Wir sind wütend. Und viele von uns haben Angst.

Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis haben 43,8 Prozent der Wähler*innen ihre Stimme der AfD gegeben. Einer Partei, deren Landesverband vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird.

Wir respektieren das Ergebnis einer demokratischen Wahl. Aber demokratischer Respekt bedeutet nicht, über die Folgen dieses Ergebnisses zu schweigen oder Menschenfeindlichkeit zu normalisieren.

Für queere Menschen ist dieses Ergebnis keine abstrakte Zahl. Es berührt unsere Sicherheit, unsere Sichtbarkeit und unser tägliches Leben. Es verstärkt Sorgen um Beratungsangebote, Begegnungsorte, Bildungsprojekte, CSDs und die gesellschaftliche Akzeptanz queerer Lebensweisen. Menschen fragen sich, ob sie weiterhin offen zeigen können, wer sie sind. Ob ihre Rechte geschützt werden. Ob sie in ihrer Stadt, ihrer Schule, an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer eigenen Familie sicher sind.

Diese Sorgen nehmen wir ernst.

Monate voller Kraft, Hoffnung und Ehrenamt

In den vergangenen Monaten haben Hunderte Menschen unglaublich viel Energie in die queere Community Sachsen-Anhalts gesteckt. Unter dem gemeinsamen Motto „WÄHL LIEBE“ haben wir CSDs, Aktionswochen, Bildungsangebote, Gespräche, Kulturveranstaltungen und Demonstrationen organisiert.

Ehrenamtliche haben Veranstaltungen geplant, Bühnen aufgebaut, Plakate gestaltet, Förderanträge geschrieben, Sicherheitskonzepte entwickelt, Gespräche geführt und unzählige Kilometer durch dieses Bundesland zurückgelegt.

Wir haben diese Arbeit geleistet, weil wir an Sachsen-Anhalt glauben. Weil wir hier leben. Weil wir unsere Städte, Gemeinden und Regionen nicht denjenigen überlassen wollen, die Menschen ausgrenzen und gegeneinander ausspielen.

Das Wahlergebnis lässt diese Arbeit nicht verschwinden. Es macht sie dringender.

„WÄHL LIEBE“ war für uns nie nur ein Slogan für einen Wahlsonntag. Es war und bleibt ein Versprechen: Wir werden uns weiterhin für Menschenwürde, Selbstbestimmung, Vielfalt und demokratischen Zusammenhalt einsetzen.

Unsere Tür ist offen geblieben

Von Freitag bis Montag war in unseren Räumen im BUNT in Magdeburg fast durchgehend jemand vor Ort. Menschen kamen, um zu reden, zu schweigen, zu weinen, sich gegenseitig zu halten und gemeinsam zu überlegen, wie es weitergehen kann.

Wir hatten nicht auf jede Frage sofort eine Antwort. Aber wir konnten füreinander da sein.

Genau das bedeutet ein Safer Space für uns: eine offene Tür, ein geschützter Raum und Menschen, die zuhören. Ein Ort, an dem niemand erklären oder rechtfertigen muss, warum dieses Wahlergebnis Angst auslöst. Ein Ort für Austausch, Trost, Gemeinschaft und neue Pläne. Für manche ist er auch ein Stück Halt und Zuhause, das ihnen in den eigenen vier Wänden fehlt.

Diesen Ort werden wir erhalten. Auch in den kommenden Monaten werden unsere Räume regelmäßig als Anlaufpunkt geöffnet sein. Die jeweiligen Zeiten veröffentlichen wir über unsere Kanäle.

Und unsere Arbeit endet nicht an der Stadtgrenze Magdeburgs. Gemeinsam mit den CSDs, Initiativen und engagierten Menschen im Land werden wir auch an vielen anderen Orten Angebote, Begegnungsräume und queere Sichtbarkeit sichern und weiterentwickeln.

Mehr als 450 Menschen – eine Gemeinschaft

Der CSD Magdeburg e. V. zählt inzwischen mehr als 450 Mitglieder. Gemeinsam mit den Mitgliedsvereinen und regionalen Strukturen des Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e. V. bilden wir eine der größten ehrenamtlich getragenen queeren Gemeinschaften unseres Bundeslandes.

Diese Größe macht uns nicht unverwundbar. Auch Vorstandsmitglieder und langjährig Engagierte erleben Angst und Ohnmacht. Aber sie zeigt uns, dass niemand von uns allein ist.

Unsere Antwort auf dieses Wahlergebnis lautet deshalb nicht Rückzug.

Unsere Antwort lautet: Gemeinschaft.

Wir werden unsere Kräfte bündeln, unsere Schutzstrukturen ausbauen und einander noch stärker unterstützen. Wir werden weiterhin CSDs organisieren, queere Menschen beraten, Bildungsarbeit leisten, politische Gespräche führen und Räume schaffen, in denen Menschen sicherer zusammenkommen können.

Wir stellen uns der politischen Realität. Aber wir finden uns nicht mit Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit ab.

Demokratische Verantwortung darf nicht beim Ehrenamt enden

Jetzt sind auch die demokratischen Parteien, die Kommunen, die Landespolitik und die öffentlichen Institutionen gefordert. Queere Menschen brauchen mehr als beruhigende Worte.

Wir erwarten, dass Schutz, Beratung, Jugend- und Bildungsarbeit verlässlich finanziert werden. Wir erwarten, dass Kommunen und Behörden CSDs und andere demokratische Veranstaltungen ermöglichen, anstatt die steigenden Sicherheitsanforderungen allein dem Ehrenamt aufzubürden. Und wir erwarten, dass demokratische Verantwortliche der extremen Rechten nicht sprachlich oder politisch hinterherlaufen.

Auch Unternehmen, Gewerkschaften, Kirchen, Hochschulen, Kulturinstitutionen und Vereine müssen jetzt zeigen, dass ihre Bekenntnisse zu Vielfalt und Menschenwürde Bestand haben – gerade dann, wenn Haltung unbequem wird.

Am Samstag gemeinsam auf die Straße

Am Samstag, dem 12. September 2026, findet in Magdeburg die nächste PRÜF-Demo statt.

Sie beginnt um 14 Uhr am Willy-Brandt-Platz vor dem Hauptbahnhof. Gemeinsam ziehen wir anschließend zum Domplatz.

Wir rufen unsere Mitglieder, Freundinnen, Partnerorganisationen und alle demokratisch gesinnten Menschen auf: Kommt dazu. Bringt eure Freundinnen, Familien und Kolleg*innen mit. Lasst uns friedlich, laut und unübersehbar zeigen, dass demokratischer Widerspruch, Vielfalt und Solidarität in Sachsen-Anhalt weiterleben.

Du bist nicht allein

Wenn du Angst hast, reden möchtest, Unterstützung brauchst oder dich engagieren willst, melde dich bei uns. Du erreichst uns über unsere Webseiten und Social-Media-Kanäle sowie unter:

CSD Magdeburg e. V.
info@csdmagdeburg.de

Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e. V.
info@csd-sachsenanhalt.de

Telefon und WhatsApp: 0151 594 500 01

Wir erhalten derzeit viele Nachrichten und können möglicherweise nicht jede Anfrage sofort beantworten. Aber wir bemühen uns, so schnell wie möglich für euch da zu sein.

„Wir haben geweint. Wir haben Angst. Aber wir sind noch da. ‚WÄHL LIEBE‘ war nicht nur unser Aufruf für einen Wahlsonntag – es ist unsere Entscheidung für jeden Tag, der jetzt folgt. Wir bleiben sichtbar, wir schützen einander und wir machen gemeinsam weiter.“

Falko Jentsch
Sprecher des Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e. V. und Vorstand des CSD Magdeburg e. V.

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