Eine taz-Reportage über Mut, Verantwortung und queere Sichtbarkeit in Sachsen-Anhalt
CSDs stehen für Vielfalt, Selbstbestimmung und die Freiheit, sichtbar zu sein. Sie schaffen Begegnungen, geben queeren Menschen eine Stimme und bringen politische Forderungen auf die Straße. Doch hinter jedem CSD stehen Menschen, die oft über viele Monate hinweg ehrenamtlich planen, organisieren, verhandeln und Verantwortung übernehmen.
Die taz hat einige dieser Menschen in Sachsen-Anhalt begleitet. Die eindrucksvolle Reportage von Franziska Schulteß erzählt insbesondere vom CSD in Köthen, richtet den Blick aber auch auf die Situation in Magdeburg, Halle und weiteren Städten im Land. Sie zeigt, was es heute bedeutet, einen CSD zu organisieren – gerade dort, wo queere Sichtbarkeit nicht selbstverständlich ist.
Sichtbar bleiben – trotz Widerstand
Die Menschen hinter den CSDs machen weiter. Trotz Hass und Bedrohungen, trotz queerfeindlicher Angriffe, trotz bürokratischer Hürden und trotz immer größer werdender Herausforderungen bei der Sicherheit.
Die Reportage macht deutlich, dass diese Belastungen nicht abstrakt sind. Organisator*innen müssen sich mit Hassnachrichten, rechtsextremen Störungen und der Sorge vor Übergriffen auseinandersetzen. Zugleich müssen sie umfangreiche Auflagen erfüllen, Sicherheitskonzepte entwickeln, mit Behörden verhandeln, Veranstaltungen finanzieren und zahlreiche praktische Aufgaben bewältigen.
Viele dieser Arbeiten werden ehrenamtlich geleistet. Hinter Demonstrationen, Straßenfesten und Aktionswochen stehen unzählige Stunden, persönliche Verantwortung und Menschen, die einen großen Teil ihrer Freizeit investieren. Dabei müssen sie nicht nur für den Ablauf der Veranstaltungen sorgen, sondern zunehmend auch darüber nachdenken, wie Teilnehmende, Helfende und Gäste geschützt werden können.
Nach dem tödlichen Anschlag auf den Berliner CSD haben sich diese Fragen noch einmal verschärft. Die Reportage beschreibt, was eine solche Tat mit den Menschen macht, die selbst CSDs organisieren und dabei Verantwortung für andere übernehmen. Sie erzählt von Angst und Unsicherheit, aber auch von der bewussten Entscheidung, sich nicht zurückzuziehen.
Gerade kleinere Städte brauchen den CSD
Besonders eindrucksvoll ist der Blick auf Köthen. In kleineren Städten sind queere Strukturen häufig weniger sichtbar, sichere Begegnungsorte seltener und persönliche Anfeindungen unmittelbarer. Wer sich dort öffentlich engagiert, wird schnell erkannt und kann sich kaum in der Anonymität einer Großstadt bewegen.
Gerade deshalb sind CSDs in kleineren Städten und im ländlichen Raum so wichtig. Sie zeigen queeren Menschen vor Ort: Ihr seid nicht allein. Ihr gehört zu dieser Stadt. Ihr müsst nicht weggehen, um sichtbar, selbstbestimmt und Teil einer Gemeinschaft sein zu können.
Ein CSD kann für manche Menschen der erste Ort sein, an dem sie sich offen zeigen. Für andere ist er die erste Gelegenheit, queere Menschen aus der eigenen Region kennenzulernen. Und für viele ist er ein Zeichen dafür, dass es auch außerhalb der großen Metropolen eine lebendige, solidarische und widerständige Community gibt.
CSDs sind politische Demonstrationen
Die Reportage erinnert außerdem daran, dass CSDs weit mehr sind als bunte Feste. Natürlich gehören Musik, Begegnungen und gemeinsames Feiern dazu. Doch der Ursprung und der Kern des Christopher Street Day sind politisch.
CSDs machen auf Diskriminierung, Gewalt und gesellschaftliche Ausgrenzung aufmerksam. Sie fordern gleiche Rechte, wirksamen Schutz und eine Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität frei und sicher leben können.
Wenn versucht wird, Demonstrationen und begleitende Straßenfeste voneinander zu trennen oder politische Veranstaltungen auf ihren Unterhaltungscharakter zu reduzieren, entstehen nicht nur bürokratische Probleme. Es wird auch infrage gestellt, was CSDs ausmacht: die Verbindung von Protest, Sichtbarkeit, Gemeinschaft und öffentlichem Raum.
Mut entsteht durch Gemeinschaft
Bei allen schwierigen Themen erzählt der Artikel vor allem von Menschen, die füreinander einstehen. Von Organisatorinnen, die nicht weichen wollen. Von lokalen Initiativen, Vereinen, Gastronominnen, Feuerwehren und vielen weiteren Unterstützenden, die helfen, weil ihnen Vielfalt und demokratisches Engagement wichtig sind.
Die Reportage zeigt, wie viel Kraft entstehen kann, wenn Menschen sich gegenseitig unterstützen. Sie macht sichtbar, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, die Angst ernst zu nehmen und trotzdem weiterzumachen.
Denn wer queere Menschen aus dem öffentlichen Raum verdrängen möchte, setzt darauf, dass sie leiser werden, Veranstaltungen absagen oder ihre Heimat verlassen. Jeder CSD, der trotzdem stattfindet, ist deshalb ein deutliches Zeichen: Wir sind hier. Wir gehören dazu. Und wir lassen uns nicht unsichtbar machen.
Eine wichtige Leseempfehlung
Franziska Schulteß ist mit dieser Reportage ein ausführlicher, einfühlsamer und zugleich politisch klarer Einblick in die Arbeit hinter den CSDs in Sachsen-Anhalt gelungen. Die starken Bilder von Stella Weiß geben den Menschen, den Orten und den besonderen Momenten zusätzlich ein Gesicht.
Der Artikel zeigt nicht nur die Herausforderungen, sondern auch die Entschlossenheit und den Zusammenhalt derjenigen, die sich Tag für Tag für queere Sichtbarkeit einsetzen. Er macht deutlich, warum diese Arbeit Unterstützung, Anerkennung und Solidarität verdient.
Wir bedanken uns herzlich bei der taz und Franziska Schulteß für die intensive Begleitung und den ausführlichen Artikel – und bei Stella Weiß für die eindrucksvollen Bilder.
Wir möchten euch diese Reportage unbedingt ans Herz legen:
„Sie machen weiter. Was sonst?“ – CSDs in Ostdeutschland
Bitte lest den Artikel, teilt ihn und sprecht darüber. Denn CSDs brauchen nicht nur am Tag der Demonstration Aufmerksamkeit. Sie brauchen das ganze Jahr über Menschen, die zuhören, sich solidarisch zeigen und gemeinsam mit uns für eine vielfältige und demokratische Gesellschaft einstehen.






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